In Zusammenarbeit mit:

Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie e.V. (ATB)

Innovationen den Hof machen – Interview mit Dr. Thomas Hoffman  

Agrar- und Gartenbautechnik Agrartechnik Biooökonomie ländliche Räume Landwirtschaft 4.0
Visualisierung der neu entstehenden InnoHof-Gebäude im brandenburgischen Groß Kreutz. Bild: haascookzemrichStudio2050

Interview: querFELDein

Mit dem InnoHof entsteht in Brandenburg eine neue Forschungsinfrastruktur, die Wissenschaft und Praxis enger miteinander verzahnt. Unter der Federführung des Leibniz-Instituts für Agrartechnik und Bioökonomie (ATB) werden dort künftig innovative Verfahren und Technologien entwickelt und für die Praxis fit gemacht. Im Interview erläutert Dr. Thomas Hoffmann, wie der InnoHof zur Drehscheibe für eine nachhaltige Landwirtschaft werden soll und welche Chancen sich daraus für regionale Wertschöpfungsketten ergeben.

Herr Hoffmann, 2026 soll es mit dem InnoHof losgehen. Wo sind Sie denn bei Ihrer Forschung in Praxisbetrieben auf Grenzen gestoßen, die es notwendig machen, dass das ATB einen eigenen Bauernhof aufbaut?

Thomas Hoffmann: Das ist eine wichtige Frage, da ich sie gleich in zweierlei Hinsicht korrigieren muss. Es handelt sich um einen Leibniz-Innovationshof. Ja, das ATB hat die Federführung und wir haben auch die Gelder für den Aufbau erhalten. Letzten Endes ist es jedoch eine Forschungsinfrastruktur für Leibniz-Einrichtungen und darüber hinaus für Universitäten und andere Hochschulen. Aktuell haben wir schon über 20 Partnereinrichtungen, die mit Projekten auf dem InnoHof tätig werden wollen.

Ein weiteres Missverständnis besteht darin, dass wir mit dem InnoHof Forschung unabhängig von Praxisbetrieben verfolgen wollen. Genau das Gegenteil ist der Fall: Wir vertiefen mit dem InnoHof unsere Kooperationen. Die drei neuen Gebäude des InnoHofs entstehen im Umfeld der Landwirtschaftlichen Lehr- und Versuchsanstalt in Groß Kreutz in Brandenburg. Auf deren Flächen findet dann auch ein Großteil der Arbeiten statt. Unsere Forschung vor Ort hat bereits heute ein Ausmaß erreicht, sodass wir unsere Maschinen beispielsweise nicht mehr in den Lagerhallen des Betriebs unterbringen können.

Dr. Thomas Hoffmann ist Vorstandsbeauftragter des Leibniz-Instituts für Agrartechnik und Bioökonomie e.V. (ATB) für den InnoHof. Foto: Manuel Gutjahr

Was genau wird denn für den InnoHof neu aufgebaut?

Hoffmann: Wie bereits erwähnt, entstehen in Groß Kreutz zunächst drei Gebäudeteile. Eines davon ist für die Verwaltung des InnoHofs vorgesehen und wird über Büros sowie Schulungsräume für Seminare und öffentliche Informationsveranstaltungen verfügen. Dort ist Platz für bis zu 90 Gäste. Hinzu kommen zwei jeweils 40 mal 18 Meter große Technikhallen. In einer davon werden unsere speziellen, zum Teil modifizierten Feldmaschinen stehen: Mähdrescher, die mit vielen Sensoren ausgestattet sind, Drohnen, spezielle Düngetechnik und eine selbstfahrende Landmaschine. Das ist ein autonom fahrender Traktor mit 150 PS, der allein drei Meter breit und fünf Meter lang ist. Stellen Sie sich diese Halle wie eine sehr gut eingerichtete Garage vor. Man hat Platz, um Umbauten durchzuführen, Geräte zu modifizieren und Sensoren anzubringen. Dabei steht man im Trockenen und stört keinen laufenden Betrieb.

In der zweiten Halle wollen wir eine Pilotanlage aufbauen. Diese dient dazu, Pflanzen von Niedermoorflächen wie Schilf, Seggen oder Rohrkolben so zu zerkleinern, dass sich daraus beispielsweise Baustoffe oder Papiere herstellen lassen. Das Rohmaterial dafür stammt natürlich von den Betrieben vor Ort. Die Anlage ist modular aufgebaut. Mithilfe eines Krans an der Hallendecke können wir in Zukunft Maschinen umstellen oder neue hinzufügen.

Zudem soll eine eigene Biogasanlage im Forschungsmaßstab entstehen. In dieser müssen wir nicht das Ziel verfolgen, gewinnbringend Energie zu erzeugen. Wir können uns ganz auf den Biogasprozess an sich konzentrieren. Welche Materialien werden in so einer Anlage gut verarbeitet, welche weniger gut und ab wann kommt es zum Erliegen des bakteriellen Abbauprozesses? Solche Tests, zum Beispiel mit Laubabfällen aus Berlin oder Makroalgen, kann man in einem laufenden Betrieb nicht einfach so durchführen. Wir mit dem InnoHof aber schon.

Und diese neuen Gebäude bekommen dann den Namen InnoHof? 

Hoffmann: Nicht nur das. Auch unsere Infrastruktur, die wir im ATB teils schon seit Jahrzehnten etabliert und fortwährend ausgebaut haben, wird Teil des InnoHofs. Wir wollen schließlich nicht alles doppelt aufbauen. Neben den Versuchsflächen direkt hier am Institut haben wir nördlich von Potsdam in Marquardt eine 23 Hektar große Versuchsstation. Dort finden Anbauversuche im kleineren Maßstab statt, die wir auf Landwirtschaftsbetrieben nicht durchführen können. Die Versuchsfläche ist mit Sensoren im Boden ausgestattet. Es gibt sogar eine kleine Ringbahn mit Kamerasystemen, die uns nachverfolgen lässt, wie Bäume wachsen oder wie groß der Unkrautdruck ist. Wir fassen all die Forschungsinfrastruktur der drei Standorte Großkreutz, ATB und Marquardt zukünftig unter einem Namen zusammen. Dieser Name ist InnoHof.

Der InnoHof bietet Forschenden die Möglichkeit, neue autonom fahrende Landmaschinen praxisorientiert zu testen und anzupassen. Foto: Kathleen Bischoff (ATB)

Und in diesem Namen steckt auch ein großes Ziel: Innovationen. Sie haben bereits das Vergären von Makroalgen erwähnt. Wie genau sieht das aus?

Hoffmann: Zur Kultivierung von Makroalgen soll gleich ein ganzes Labor entstehen. Wenn wir Makroalgen auspressen, gewinnen wir unter anderem Lipide, die beispielsweise in der Pharmaindustrie verwendet werden können. Der übrigbleibende Rest passt wunderbar in eine Biogasanlage, denn Makroalgen enthalten kein Lignin. Mit diesem haben die Bakterien in der Biogasanlage sonst immer ein Problem. Makroalgen können von den Bakterien hingegen sehr gut zersetzt werden, sodass kaum etwas übrigbleibt. In einer richtigen Biogasanlage sind die Fermenterbehälter mehrere 1000 Kubikmeter groß, in unserer Versuchsbiogasanlage nur rund zehn Kubikmetern.  Diese zehn Kubikmeter sind aber deutlich größer als Laboranlagen und erlauben eine Übertragung unsere Ergebnisse auf den Praxismaßstab. Das ist die Praxisorientierung des InnoHofs. Natürlich betreiben wir auch Grundlagenforschung, veröffentlichen unsere Forschungsergebnisse und führen Promotionen durch. Für die Unternehmen ist jedoch zunächst nur interessant, dass die Maschinen und Prozesse einfach funktionieren. Wie das alles im Detail abläuft, ist dann eher der wissenschaftliche Teil einer Promotionsarbeit.

Ein anderes Beispiel, das Sie kurz ansprachen, war die Verarbeitung von Biomasse aus Niedermooren. Was hat es damit auf sich?

Hoffmann: Auf nassen Moorflächen kann man auch Land- und Forstwirtschaft betreiben. Diese Methode nennt sich Paludikultur. Anstelle von Weizen wird beispielsweise Schilf geerntet. Wir nehmen die Ballen Schilf und gewinnen daraus Rohstoffe für Papier oder Verpackungsmaterialien. Das klingt so einfach, und im Labor des ATB haben wir das schon mehrfach gemacht. Im Labor steht allerdings stets eine Person daneben und sortiert das gelieferte Pflanzenmaterial vor. So erreichen wir auch fast immer ein gutes Ergebnis. Wenn dieser gesamte Prozess jedoch hochskaliert und komplett maschinell ablaufen soll, werden die Probleme schnell offensichtlich. Die Verarbeitungsmaschine benötigt einen homogenen und gleichmäßigen Zufluss von Rohmaterial. Die Schilfballen zerfallen jedoch eher in Klumpen. Es sind Metall- und Holzteile darunter. Wie geht eine Maschine damit um, ohne beschädigt zu werden?

Und wie bekommen wir das Rohmaterial trocken? Auf dem InnoHof bauen wir dafür einen 30 Meter langen Luftstromtrockner, in dem die Luft auf 180–200 °C erwärmt wird. Dieser benötigt jedoch einen Gasanschluss mit einer Heizleistung von 450 kW. Das schafft sich kein Landwirtschaftsbetrieb einfach so an, schon gar nicht, wenn der Prozess und die Rentabilität nicht gesichert sind. Ebenso unsere kleine Geheimwaffe: ein Doppelschneckenextruder. Das sind zwei gegenläufige „Schnecken“, die das Pflanzenmaterial so aufspalten, dass im Gegensatz zu einer Mühle kaum Staub entsteht, sondern die Pflanzenfasern erhalten bleiben. Genau das benötige ich für die Papierproduktion. Mit dieser Maschine kriegen wir das wunderbar hin. Aber das Gerät allein hat eine Antriebsleistung von 110 kW. Das ist mehr, als unserem Nachbarbetrieb insgesamt zur Verfügung steht. Das stellt man nicht einfach so auf und testet es aus. Da geht im Dorf das Licht aus.

Auf dem InnoHof können wir nun Technik und Prozesse bis zur Praxistauglichkeit voranbringen. Anschließend können wir interessierten Betrieben etc. demonstrieren, wie das funktioniert. So investiert niemand in unbekannte Dinge und es können sich in der Region neue Geschäftsfelder etablieren.

Wie stellen Sie sich das im besten Fall vor? Werden Landwirtschaftsbetriebe dann zu Papierherstellern oder Lieferanten für die Chemieindustrie?

Hoffmann: In Ausnahmefällen kann sich ein großer Betrieb entsprechend aufstellen, aber das wird nicht der Regelfall sein. Landwirtinnen und Landwirte wollen doch eher mit Pflanzen und Tieren arbeiten. In mittleren und kleineren Betrieben fehlen neben der Zeit auch die Voraussetzungen, zum Beispiel der richtige Stromanschluss. Wir denken eher regional: Wenn wir aufzeigen, was mit diesen verschiedenen Rohstoffen vor Ort gemacht werden kann, dann könnte eine ganz neue Wertschöpfungskette mit neuen Firmen und Arbeitsplätzen hier entstehen. Die Landwirtschaftsbetriebe werden glücklich sein, wenn sie ihre Ballen direkt in der Region an Verarbeitungszentren mit der richtigen Infrastruktur, Lagerhallen und Transportfahrzeugen verkaufen können. Oft reicht es schon, wenn der erste Verarbeitungsschritt in der Nähe der Urproduktion stattfindet, damit die Ernte nicht zum billigsten Preis abgegeben werden muss.

Mithilfe dieser beheizbaren Plattenpresse stellt das ATB im Labormaßstab aus Schilf Rohstoffe für Papier oder Verpackungsmaterialien her. Foto: Ralf Pecenka (ATB)

Auf der Website des InnoHofs findet sich auch der Begriff „One Health“. Was bedeutet er im Hinblick auf Ihre regionalen Wertschöpfungsketten?

Hoffmann: Ein großer Teil der Forschung am InnoHof soll sich mit Systemforschung befassen, d. h., es sollen die Wertschöpfungsketten mit all ihren Auswirkungen auf Menschen, Pflanzen, Tiere und Umwelt untersucht werden. Bleiben wir bei der Paludikultur: Die soll sich auf wiedervernässten Niedermoorflächen entwickeln. Aber wieso wollen wir überhaupt wiedervernässen? Weil das für den Klimaschutz enorm wichtig ist. Für die Landwirtschaftsbetriebe bringt das jedoch auch schnell Nachteile mit sich. Mit dem Anstieg des Grundwassers stellt sich auf den Flächen eine Pflanzen-Community ein, die die Kühe nicht mehr fressen wollen, und Ackerbau ist dann auch nicht mehr möglich.

Es kommt also nicht nur darauf an, zu zeigen, wie gut das für die Umwelt ist. Es müssen auch alternative Einnahmequellen entstehen, damit niemand wegen der Wiedervernässung den Hof schließen muss. Der InnoHof ermöglicht es uns, mit langfristig angelegten Projekten hier wirklich Antworten zu geben. Wenn wir den Wasserstand irgendwo anheben, braucht es seine Zeit, ehe sich die Biotope auf den Flächen umstellen. Da helfen Drei- oder Fünfjahresprojekte nur bedingt. Doch jetzt haben wir zwei Forschungsprojekte bewilligt bekommen: eines über neun und das andere über zehn Jahre. In den 27 Jahren, in denen ich nun am ATB bin, gab es so etwas noch nie. Aber nur so können wir diese Fragen überhaupt angehen und aufzeigen, wo es für Umwelt, Arbeitsmarkt und Gesellschaft Sinn macht. Und natürlich auch, wo wir eine Wiedervernässung vielleicht lieber unterlassen sollten. Denn wenn wir nicht aufpassen, kann auch in den Nachbardörfern plötzlich das Wasser im Keller stehen. Wir dürfen uns die Vorteile also nicht mit ungerechtfertigten Nachteilen erkaufen. Für diese ganzheitliche Betrachtung ist die Zusammenarbeit mit Forschungspartnern so wichtig, da wir uns am ATB eher auf die technischen Aspekte der Landwirtschaft konzentrieren.

Eine letzte Frage: Wie viele Mitarbeitende sollen am Ende auf dem InnoHof tätig sein?

Hoffmann: Die Fördergelder, die wir für den InnoHof erhalten haben, sind ausschließlich für die technische Infrastruktur und die Gebäude bestimmt. Deshalb wollen wir nun über andere Fördertöpfe Projekte aufbauen, um die Leute zu beschäftigen. Es ist unumgänglich, vor Ort Leute zu haben, die den Überblick behalten. Der Plan ist, dass etwa 25 Personen mehr oder weniger fest am Standort forschen und arbeiten und für einzelne Projekte jeweils Gäste hinzukommen. Ich bin auch sehr zuversichtlich, dass wir das hinbekommen. Als wir den Standort in Marquardt übernommen haben, waren es, überspitzt gesagt, auch nur Nutzflächen und leere Hallen, was ja auch schon viel wert ist. Heute brummt der Laden, sodass ein Gremium die vielen Anfragen von Forschungsteams organisieren muss.

Hinweis zum Beitrag:

Bei der Erstellung dieses Beitrags kamen KI-Tools für Transkription, Textredaktion und Lektorat zum Einsatz. Die inhaltliche Redaktion erfolgte ausschließlich durch querFELDein, sowie die beteiligten Forscherinnen bzw. Forscher der Partnerinstitute.

Erschien zuerst im/auf: querFELDein
Institution: Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie e.V. (ATB)
Ansprechpartner/in: Dr. Thomas Hoffmann

Newsletter abonnieren

Vier- bis sechsmal jährlich informieren wir über Fakten, News und Ideen rund um die Landwirtschaft der Zukunft.