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Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) & Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt

Lebensmittel krisenfest?  

Agrarpolitik Ernährungssicherheit Klimawandel Landwirtschaft Nachhaltigkeit
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Text: querFELDein

Der globale Lebensmittelhandel puffert kleinere Krisen gut ab. Doch bei Kriegen, Naturkatastrophen oder großflächigen und langanhaltenden Stromausfällen droht der Handel mitsamt seinen Versorgungsketten zusammenzubrechen. Millionen Menschen droht der Hunger. Dr. Florian Ulrich Jehn und Dr. Nico Wunderling beschäftigen sich mit der Frage, wie widerstandsfähig unsere Handelsnetzwerke wirklich sind und erklären, warum Diversifizierung so wichtig ist und welche Verantwortung die Staaten übernehmen müssen.

Herr Dr. Jehn, wie abhängig ist unsere Welt vom internationalen Lebensmittelhandel?

Florian Jehn: Rund 75 Prozent der Lebensmittel werden in den Ländern oder Regionen produziert, in denen sie auch konsumiert werden. Etwa 25 Prozent laufen jedoch über globale Handelsnetzwerke – und das ist sehr viel. Es gibt zudem Länder wie Singapur, die deutlich mehr importieren. Das System hat viele Vorteile, wird aber problematisch, wenn wichtige Produzenten ausfallen. Ein Beispiel aus jüngster Vergangenheit sind die Exportausfälle von Ukraine und Russland, in Folge der russischen Invasion. Die kriegsbedingten Ausfälle waren insbesondere für Nordafrika ein Problem. Als dort die Preise mit dem Krieg in Europa plötzlich stark anstiegen, kam es innerhalb kürzester Zeit zu Protesten und Streiks.

Wie sicher schätzen Sie unsere globale Lebensmittel-Handelsnetzwerke ein, Herr Dr. Wunderling?

Nico Wunderling: Wir haben ein globales Handelssystem geschaffen, das kleine Schocks erstaunlich gut abfedern kann. Wenn es lokal zu Ernteausfällen kommt, lässt sich meist anderswo etwas teurer einkaufen. Für das Gesamtsystem ist das oft kein großes Problem. Man kann sich den globalen Lebensmittelhandel wie ein Netzwerk vorstellen, in dem produzierende Länder und Importländer über viele Verbindungen miteinander verknüpft sind. Allerdings gibt es darin einige zentrale Knotenpunkte, an denen sehr viele Verbindungen zusammenlaufen. Fallen diese aus, spürt das das gesamte Netzwerk. Das gilt auch für wichtige Handelsrouten wie den Suezkanal die sich nicht einfach ersetzen lassen.

Jehn: Unsere Studie zeigt: Werden solche Schocks noch größer oder fallen sogar zentrale Punkte im Netzwerk komplett aus, müsste sich das globale Handelssystem innerhalb kürzester Zeit neu organisieren. Ob das gut funktionieren würde, ist sehr fraglich.

Dr. Florian Ulrich Jehn (links) unterrichtet an der FernUniversität in Hagen zu globalen und existenziellen Katastrophenrisiken und deren Eindämmung. Prof. Nico Wunderling (rechts) ist Klima-Wissenschaftler am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Fotos: Judith Rensing, Mario Diener

Wie können wir die Handelsnetzwerke auf solche Vorfälle vorbereiten?

Jehn: Der erste Schritt ist, überhaupt besser zu verstehen, was in solchen Krisenszenarien passieren würde. Dazu gibt es bislang erstaunlich wenig Forschung. Wenn wir die möglichen Auswirkungen nicht kennen, können wir uns auch nur schlecht vorbereiten.

Wunderling: Ein wichtiger Punkt ist definitiv, die starke Konzentration des Handels auf wenige Handelsrouten aufzuweiten. Wenn ein Land seinen gesamten Dünger aus einem Land bezieht oder wichtige Lebensmittel nur aus einer einzigen Klimaregion importiert, macht es sich verwundbar. Solche Systeme werden resilienter, wenn sie stärker diversifiziert sind. Allerdings wird Resilienz in unserer heutigen Marktwirtschaft oft nicht belohnt, da sie in dem jeweiligen Moment oft nicht die absolut kostengünstigste Option ist. Deshalb sollten Staaten selbst investieren, um im Ernstfall besser vorbereitet zu sein. Konkret heißt das: bestimmte Güter stärker auf Vorrat halten, internationale Koordination frühzeitig planen und Handelswege diversifizieren. Leider bewegt sich die internationale Politik derzeit nicht immer in diese Richtung.

Jehn: Indien etwa hat in den vergangenen Jahrzehnten regelmäßig Exportstops für Reis angeordnet, sobald die eigene Produktion merklich gesunken war, um die Preise im Land stabil zu halten. Das ist auch nachvollziehbar. Wenn aber bei einem großen Schock jedes Land anfängt, Exporte zu stoppen, kann es passieren, dass global eigentlich noch genug Nahrung vorhanden ist – und trotzdem viele Menschen verhungern. Deshalb sollten solche Notfälle schon heute in Handelsabkommen geregelt werden. Über diese Fragen muss gesprochen werden, bevor die Katastrophe eintritt, denn wenn der Notfall bereits eingetreten ist, ist es wahrscheinlich zu spät.

Also internationalen Handel stärken und gleichzeitig im eigenen Land Vorräte anlegen. Wie können Staaten ihre Versorgung vor Krisenzeiten zusätzlich wappnen?

Jehn: Ein Beispiel wären Reserve-Transformatoren für Stromnetze. Nach einem Netzausfall durch einen elektromagnetischen Puls könnten beschädigte Transformatoren schnell ausgetauscht und die Netze wieder in Betrieb genommen werden.

Ein anderes Beispiel zeigte uns ein Forschungsprojekt zu Seegras: Als alternative Nahrungsquelle lässt sich dessen Produktion schnell ausbauen, wenn die nötigen Vorbereitungen getroffen werden. An der Küste Nigerias könnte man vermutlich selbst im Fall eines nuklearen Winters weiterhin Seegras ernten. Würde man dort schon heute die Seegras-Produktion aufbauen, würde es direkt die lokale Lebensmittelversorgung verbessern. Das wäre eine Win-win-Situation die sich auch in andere Staaten übertragen lässt: Krisensichere Nischenprodukte wie Algen, Pilze etc. fördern, um jetzt schon zusätzliche Einkommensmöglichkeiten zu schaffen und im Krisenfall deren Produktion hochzufahren.

Falls in Folge eines elektromagnetischen Pulses Stromnetze flächendeckend ausfallen, könnten diese mithilfe von Reserve-Transformatoren schnell wieder in Betrieb genommen werden. Foto: Raisa Milova / Unsplash

Wäre das Problem der Anfälligkeit von Handelsnetzwerken nicht gelöst, wenn sich jedes Land zumindest mit den Grundnahrungsmitteln selbst versorgt?

Jehn: Es hilft auf jeden Fall, wenn Staaten einen Teil ihrer Lebensmittel lokal produzieren. Eine vollständige Selbstversorgung ist jedoch unrealistisch. Viele Menschen leben in Regionen, in denen sich gar nicht genug Lebensmittel anbauen lassen.

Wunderling: Das hat auch mit Ressourceneffizienz zu tun. Es wäre verschwenderisch, wenn jedes Land sein komplettes Obst und Gemüse selbst anbauen würde. Je nach Lebensmittel gibt es Klimaregionen, die deutlich effizienter produzieren können. Auch wenn sich hier der Status Quo durch den Klimawandel verschieben wird.

Jehn: Wichtig ist außerdem, die Bedeutung der Weltmarktpreise nicht aus dem Blick zu verlieren. Schon heute können sich viele Menschen weltweit keine ausreichende und ausgewogene Ernährung leisten. Würde Deutschland seine Vorräte plötzlich massiv ausbauen, würden die Lebensmittelpreise im gesamten Handelsnetz steigen. Unsere eigene Sicherheit sollte nicht mit wachsendem Hunger in anderen Regionen erkauft werden.

Herr Wunderling, Sie forschen am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Welche Parallelen sehen Sie zwischen der Forschung zu Klimawandel und globalen Lebensmittelkrisen?

Wunderling: Zur Widerstandsfähigkeit globaler Lebensmittel-Handelsnetzwerke gibt es bislang vergleichsweise wenig Forschung – gerade im Vergleich zur Klimaforschung allgemein, die seit Jahrzehnten weltweit vorangetrieben wird. Trotzdem würde ich bei beiden Themen sagen: Wir wissen bereits genug, um zu handeln. Gleichzeitig bleibt weitere Forschung wichtig, zumal es noch viele offene Fragen zur Resilienz von Handelsnetzwerken unter Klimawandel gibt.

Eine weitere Gemeinsamkeit ist, dass es sich um Themen handelt, deren Risiken gern weit in der Zukunft vermutet werden, es gibt aber bereits jetzt Auswirkungen des Klimawandels, die sich messbar im Rückgang landwirtschaftlicher Erträge niederschlagen.

Jehn: Für uns ist in diesem Zusammenhang auch der Begriff „Polykrise“ wichtig. Viele gesellschaftliche Strukturen haben zunehmend Schwierigkeiten, mehrere Krisen gleichzeitig zu bewältigen. Das liegt auch daran, dass wir Probleme oft getrennt voneinander betrachten, obwohl sie eng miteinander verbunden sind. Die Frage nach stabilen Lebensmittel-Handelsnetzwerken lässt sich nicht vom Klimawandel oder der globalen Sicherheitslage trennen. Am Ende geht es um grundsätzliche Fragen: Wie wollen wir Wirtschaft und Handel organisieren? Und wie müssen wir unsere Infrastrukturen gestalten?

Infolge der russischen Invasion in der Ukraine kam es zu großen Exportausfällen von Weizen. Die Auswirkungen waren weltweit spürbar. Foto: mil.gov.ua / Wikipedia (CC 4.0)

Warum fällt es uns so schwer, sich rechtzeitig auf Krisen vorzubereiten? Ich persönlich habe erst nach dem zweiten mehrtägigen Stromausfall in Berlin angefangen, Vorräte anzulegen.

Jehn: Das ist etwas sehr Menschliches. Während meines Masterstudiums hatte ich eine Exkursion an den Rhein, bei der ein Hochwasser-Manager sagte: „Die Leute müssen ihren Garten immer zweimal absaufen sehen, bevor sie etwas unternehmen.“ Nach dem ersten Ereignis denkt man oft noch: Das war einfach Pech. Erst wenn es sich wiederholt, merken wir, dass wir uns anpassen müssen.

Ich hoffe deshalb, dass die aktuellen Zeiten Menschen und Staaten wachrütteln werden. Es gibt ja auch positive Entwicklungen: Erneuerbare Energien wie Wind- und Solarenergie wachsen weltweit sehr dynamisch. Damit erzeugen wir nicht nur klimafreundlicheren Strom, sondern stärken zudem unsere Unabhängigkeit und Widerstandsfähigkeit. Dies zeigt, dass wichtige Veränderungen möglich sind, aber es ist erst der Anfang. Genauso grundlegend müssen wir Lebensmittelhandel und -produktion neu denken. Durch große Krisen kommt eine Gesellschaft nur, wenn sie widerstandsfähig aufgestellt ist. Daran müssen wir jetzt arbeiten, solange wir die Zeit dafür haben.

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Hinweis zum Beitrag:

Bei der Erstellung dieses Beitrags kamen KI-Tools für Transkription, Textredaktion und Lektorat zum Einsatz. Die inhaltliche Redaktion erfolgte ausschließlich durch querFELDein, sowie die beteiligten Forscherinnen bzw. Forscher der Partnerinstitute.

Erschien zuerst im/auf: querFELDein
Institution: Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) & Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt
Ansprechpartner/in: Dr. Florian Ulrich Jehn und Dr. Nico Wunderling

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