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Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

Süßwassermuscheln: invasiv zu viel des Guten – Das IGB im Interview  

Biodiversität Gewässer Wasser
Neben der Quagga-Muschel erschließt sich auch die invasive Zebramuschel neue Lebensräume – wie hier im Stechlinsee. Foto: Solvin Zankl

Text: NADJA NEUMANN

Muscheln sammeln am Meeresstrand, klar. Aber es gibt sie auch im Süßwasser! In unseren Seen und Flüssen filtern fleißige Süßwassermuscheln kleine Algen aus dem Wasser und sorgen so für klares Wasser. Wie viele der so unscheinbaren Muscheln unter der Wasseroberfläche zu finden sind, wurde bei der Oder-Katastrophe 2022 sichtbar, als tonnenweise Muscheln verendeten. Noch immer säumen leere Muschelschalen die Ufer der Oder. Hinzukommt, dass neu eingewanderte Muschelarten das positive Bild trüben. Durch deren großen Appetit fehlt den Fischen im Bodensee und anderen Gewässern das Plankton als Nahrung. Wir beleuchten die fleißigen Filtrierer mit fünf Fragen an Forscherinnen und Forscher des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB).

Herr Wolter, nach der Katastrophe in der Oder im Jahr 2022 untersuchen Sie vornehmlich die Erholung der Fischbestände im Fluss. Sie haben aber auch die Muscheln im Blick. Bei der Katastrophe starben viele Muscheln durch das Gift einer Brackwasseralge. Wie steht es um die Bestände? 

Christian Wolter: Tatsächlich sind während der Oder-Katastrophe rund 63 Prozent der Muscheln der Gattungen Anodonta und Unio gestorben. Unsere Stichproben nach dem großen Fisch- und Muschelsterben haben gezeigt, dass sich die Fischbestände schneller erholen als die Muscheln und Schnecken. Das haben wir auch erwartet, weil Fische viel mobiler sind. Generell haben es Muscheln in unseren Flüssen schwer: Maßnahmen, die den Grund des Flusses beräumen und vertiefen, haben die Muschelvorkommen in vielen Fließgewässern stark reduziert. Zum einen werden die Muscheln mit dem Baggergut ausgebaggert. Zum anderen führen wasserbauliche Maßnahmen in der Regel zu mehr aufgewühlten Sand etc. im Flusswasser. Das vertragen die Muscheln sehr schlecht. Wenn also die Oder als Wasserstraße weiter ausgebaut wird, werden sich die Muschelbestände in der Mitte des Flusses nicht erholen. Zwar sind viele Muschelarten offiziell geschützt, dies schließt aber nicht per se den Schutz ihrer Lebensräume ein. Muscheln haben keine Lobby.

Das IGB-Team im Interviev (v. l. n. r.): Dr. Christian Wolter, Prof. Sonja Jähnig, PD Dr. Sabine Hilt, Prof. Jonathan Jeschke, Jonas Mauch. Fotos: David Ausserhofer (IGB)

Herr Wolter hat es schon kurz angerissen: Viele Muschelarten in Flüssen sind bedroht. Aber sie sind auch nicht im Fokus von Artenschutzmaßnahmen. Prof. Jähnig, Sie erforschen die Artenvielfalt in Gewässern. Was ist an Muscheln besonders? 

Sonja Jähnig: Muscheln sind unscheinbar, aber faszinierend. Eine Muschel kann beispielsweise einige Tage ohne Wasser überleben, wenn sie sich schließt, das ist ihr natürlicher Schutzmechanismus. Muscheln können sehr klein sein, die Erbsenmuscheln sind ausgewachsen nur drei Millimeter groß. Eine weitere interessante Muschelart ist die Flussperlmuschel. Früher wurde sie zur Perlenzucht und zur Perlmuttgewinnung genutzt. Sie kann bis zu 280 Jahre alt werden und sich bis zu 75 Jahre lang fortpflanzen. Die Nachkommen der Flussperlmuschel leben mehrere Monate als Parasiten an den Kiemen von Bachforellen. Diese Abhängigkeit von einer einzigen Fischart ist einer der Gründe für ihre starke Gefährdung. In Europa ist ihr Bestand in den letzten 90 Jahren leider um mehr als 90 Prozent zurückgegangen. Deshalb wird die Art unter anderem auf der Roten Liste der Weltnaturschutzorganisation IUCN als vom Aussterben bedroht eingestuft. Den heimischen Süßwassermuscheln geht es also nicht besonders gut.

Die Flussperlmuschel wurde früher u. a. zur Perlenzucht genutzt und kann bis zu 280 Jahre alt werden. Foto: Joel Berglund (CC BY 3.0)

Frau Hilt, Sie untersuchen die Wechselwirkungen zwischen Algen, Wasserpflanzen und Lebewesen in Seen. Welche wichtige Rolle spielen dabei Süßwassermuscheln? 

Sabine Hilt: Muscheln ernähren sich von Kleinstalgen. Sie filtern sie aus dem umgebenden Wasser heraus und geben wiederum Nährstoffe ins Gewässer ab. Sie fressen auch Cyanobakterien, die Giftstoffe bilden können. Wenn viele Muscheln im Gewässer vorkommen, ist das Wasser klarer. Das Sonnenlicht kann tiefer eindringen und Wasserpflanzen wachsen besser. Die wiederum bilden Sauerstoff für andere Lebewesen. Muscheln wirken sich also im Allgemeinen positiv auf die Wasserqualität aus. Invasive Arten wie die Zebramuschel oder auch die Quagga-Muschel können sich jedoch massenhaft verbreiten und zum Beispiel einheimische Muschelarten verdrängen, indem sie ihnen die Lebensräume und Nahrungsgrundlagen streitig machen. Die Quagga-Muschel ist dabei besonders erfolgreich, da sie keinen harten Untergrund braucht und auch auf sandigem oder schlammigem Untergrund leben kann. In Deutschland wurde diese Art erstmals 2005 nachgewiesen. Eingeschleppt wird sie in der Regel über verschiedene Pfade wie Boote oder anderes Equipment, das von Menschen im Wasser genutzt wird – aber auch über den Handel mit Pflanzen und Tieren für den Gartenteich. Sie in Schach zu halten, kostet viel Geld: Massen von Quaggas setzen Rohrleitungen und Boote zu. Mittlerweile ist die Quagga-Muschel in vielen Gewässern die Art mit der höchsten Biomasse. Im US-amerikanischen Lake Michigan macht die Muschel mittlerweile rund 90 Prozent der Biomasse aus.

Die Quagga-Muschel breitet sich auch deshalb so erfolgreich aus, weil sie keinen harten Untergrund benötigt und auch auf sandigem oder schlammigem Boden leben kann. Hier auf dem Grund des Müggelsees in Berlin. Foto: Klaus van de Weyer (IGB)

Prof. Jeschke, Sabine Hilt hat die massive Ausbreitung invasiver Süßwassermuscheln angesprochen. Sie forschen zu invasiven Arten und neuartigen Lebensgemeinschaften. Warum ist es dabei wichtig, die Risiken möglichst schnell abschätzen zu können?

Jonathan Jeschke: In einer Studie haben wir die langfristige Populationsdynamik der Quagga-Muschel und der invasiven Zebramuschel in Europa und Nordamerika untersucht. Dabei stellten wir fest, dass die Populationen beider Arten in den ersten ein bis zwei Jahren nach ihrem Auftreten oft sehr schnell wachsen. Das ist natürlich eine Herausforderung für die Eindämmung, denn die Etablierung neuer Muschelarten bleibt häufig einige Zeit unbemerkt, weil dies nur selten gezielt beobachtet wird. Um ein wissenschaftliches Frühwarnsystem zu etablieren und die langfristigen Dynamiken invasiver Arten zu erforschen, haben wir das Forschungsnetzwerk „Invasion Dynamics Network“ gegründet. Außerdem haben wir ein Schema entwickelt, das dabei hilft Daten und Informationen besser nutzbar zu machen sowie Wissenslücken gezielt zu identifizieren. Mit zunehmender Bedeutung künstlicher Intelligenz können solche Systeme wichtig in der Organisation wissenschaftlicher Informationen werden. Gleichzeitig bildet unser Ansatz die Grundlage für Werkzeuge, die für das Management invasiver Arten eingesetzt werden.

Invasive Muschelarten müssen nicht nur negative Auswirkungen haben. Die Quagga-Muschel kommt im Müggelsee inzwischen in so hoher Dichte vor, dass das gesamte Wasservolumen des Müggelsees bis zu zweimal am Tag gefiltert wird. Dadurch ist das Wasser klarer und es wachsen wieder mehr Wasserpflanzen. Foto: Leonhard Lenz (CC 1.0)

Die Quagga-Muschel kommt auch im Berliner Müggelsee vor. Herr Mauch, Sie untersuchen, wie die Muschel ihren Lebensraum dort beeinflusst. Was fällt besonders auf? 

Jonas Mauch: Die Quagga-Muschel kommt im Müggelsee inzwischen in so hoher Dichte vor, dass das gesamte Wasservolumen des Müggelsees bis zu zweimal am Tag gefiltert wird. Dadurch haben sich viele Prozesse im See verändert. Das Wasser ist klarer und es wachsen wieder mehr Wasserpflanzen, zum Beispiel auch seit Jahrzehnten erstmals wieder Armleuchteralgen. Wir konnten auch zeigen, dass die Quagga-Muscheln dazu beigetragen haben, die Biomasse der Cyanobakterien im Müggelsee zu reduzieren – allerdings nur bei Temperaturen unter 28 Grad. Bei höheren Temperaturen schließen die Muscheln ihre Schalen und filtrieren nicht mehr. Außerdem filtrieren sie nicht alle Arten von Cyanobakterien gleich stark. Einige Arten werden stark filtriert, andere hingegen kaum. Daher kann man nicht pauschal sagen, dass Quagga-Muscheln das massenhafte Aufkommen von Cyanobakterien reduzieren. Es kommt immer stark auf die Artenzusammensetzung an. Außerdem müssen wir den Einfluss des Klimawandels mit steigenden Temperaturen und erhöhtem Auftreten von Hitzeperioden beachten. Diese können der Muschelfiltration entgegenwirken.

Hinweis zum Beitrag:

Einige der in diesem Beitrag verwendeten Bilder stehen unter der Creative Common 1.0- bzw. Creative Common 3.0-Lizenz.

Institution: Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)
Ansprechpartner/in: Nadja Neumann

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