In Zusammenarbeit mit: Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V.
28.04.2021

Der große Unterschied  

Biodiversität Dünger Landwirtschaft Ökolandbau Pestizide Umweltschutz
© JürgenBauerPictures | AdobeStock
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Text: HEIKE KAMPE

Um für Nahrungssicherheit für Milliarden von Menschen zu sorgen, wird in der Landwirtschaft immer intensiver gewirtschaftet – mit negativen Folgen für Umwelt und Biodiversität. Dem konventionellen Landbau steht der Ökolandbau gegenüber, der strengeren Regeln folgt. Mineralische Stickstoffdünger etwa oder synthetische Pflanzenschutzmittel sind hier verboten. In einer Studie wurde untersucht, wie sich beide Konzepte auf die Umwelt auswirken – mit deutlichen Ergebnissen.

Hörbeitrag

Für diejenigen, die lieber hören, statt lesen.

Wenn es um ökologische Landwirtschaft geht, hat Dr. Karin Stein-Bachinger eine klare Meinung: Sie könnte der Schlüssel zur Lösung vieler drängender Umweltprobleme sein – und muss ausgebaut werden. Diese Meinung stützt sich auf wissenschaftliche Fakten, denn schon seit 30 Jahren forscht die Agrarwissenschaftlerin vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e. V. auf diesem Gebiet.

In einer umfangreichen Studie wertete Karin Stein-Bachinger gemeinsam mit ihrem Team kürzlich 98 wissenschaftliche Untersuchungen aus, die konventionell und ökologisch bewirtschaftete Betriebe miteinander vergleichen – mit einem Fokus auf Artenvielfalt, deren Verlust eine der größten Bedrohungen für unsere Ökosysteme bedeutet. Die Ergebnisse sind eindeutig: Die Vielfalt an Wildpflanzen war auf den ökologisch bewirtschafteten Flächen durchschnittlich 95 Prozent höher als auf den konventionell bewirtschafteten. Die Forscherinnen und Forscher fanden zudem 35 Prozent mehr Vogel- und 22 Prozent mehr Insektenarten auf den Bio-Äckern. Auch bei der Anzahl der Tiere kann der Ökolandbau punkten: In der Gesamtschau finden 24 Prozent mehr Vögel, 36 Prozent mehr Insekten und 55 Prozent mehr Spinnen ein Zuhause, wenn ökologisch gewirtschaftet wird.

»Von dem Artenreichtum auf Ökolandbaubetrieben profitiert die gesamte Umgebung«, sagt Frau Dr. Karin Stein-Bachinger. © Frank Gottwald
»Von dem Artenreichtum auf Ökolandbaubetrieben profitiert die gesamte Umgebung«, sagt Frau Dr. Karin Stein-Bachinger. © Frank Gottwald

Viele Wildkräuter haben keine Chance

Karin Stein-Bachinger überraschen diese Ergebnisse nicht. »Es ist schon lange bekannt, dass die Artenvielfalt auf ökologisch bewirtschafteten Flächen deutlich höher ist«, sagt sie. »Es gibt aber keine vergleichbare jüngere Studie, die das auch quantitativ so detailliert auswertet«, betont sie. Vor allem der verbreitete Einsatz von Herbiziden und die Düngepraxis in konventionellen Betrieben lasse die Artenzahlen unter den Wildpflanzen schrumpfen. Auf den dicht bewachsenen, intensiv bewirtschafteten Feldern haben viele konkurrenzschwache Wildkräuter wie Ackerrittersporn, Roter Gauchheil oder Ackerröte keine Chance. »Viele Flächen sind extrem verarmt, was die Vielfalt angeht«, sagt die Forscherin – und das zeigt sich nicht nur direkt auf dem Acker, sondern auch in angrenzenden Bereichen: Auf den Feldrändern von Ökobetrieben sprießen rund ein Fünftel mehr Pflanzenarten als auf den Vergleichsflächen im konventionellen Anbau.

Das hat direkte Folgen für die Tierwelt. Wo es eine vielfältige Flora gibt, haben auch spezialisierte Arten – etwa Wildbienen, die besonders effiziente Bestäuber sind – eine gute Lebensgrundlage. Diese pflanzliche Basis auf den bewirtschafteten Flächen ist ein Faktor, aber nicht der einzige, erklärt Karin Stein-Bachinger: »Auch Landschaftselemente wie Hecken, Feldränder, Stein- oder Totholzhaufen sind ganz entscheidend. Hier nisten Insekten und Vögel, finden Nahrung, können überwintern und sind vor Räubern geschützt.« Da Ökobetriebe meist kleinere Flächen mit einer größeren Fruchtartenvielfalt bewirtschaften, gibt es diese wichtigen Rückzugsorte im Ökolandbau häufiger. »Wir wissen aus Untersuchungen, dass dort, wo viel ökologische Landwirtschaft betrieben wird, angrenzende konventionelle Betriebe ebenfalls mehr Arten beherbergen«, erklärt Stein-Bachinger. »Von dem Artenreichtum auf Ökolandbaubetrieben profitiert die gesamte Umgebung.«

Ökolandbau schützt Klima, Boden, Wasser und Artenvielfalt

Die Unterschiede zeigen sich jedoch nicht nur in der Artenvielfalt. Boden, Klima, Wasser- und Nährstoffhaushalt – in all diesen Punkten wirken ökologische Agrarsysteme anders als konventionelle. Karin Stein-Bachinger gehört mit ihrer Studie zu den Autorinnen und Autoren des »Thünen Reports 65«,die in einem vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft geförderte Forschungsverbundprojekt mehr als 500 wissenschaftliche Studien zum Thema »Gesellschaftliche Leistungen des ökologischen Landbaus« analysierten. Die dort veröffentlichten Ergebnisse zeigen: Der Ökolandbau schneidet in nahezu allen Bereichen besser ab. Ökologisch bewirtschaftete Böden speichern im Durchschnitt 256 Kilogramm mehr Kohlenstoff pro Hektar und Jahr und schützen damit das Klima, sie belasten die Gewässer deutlich weniger mit Nitrat und haben doppelt so viele Regenwürmer, was positiv für die Bodenfruchtbarkeit ist.

»All das hat eine gesellschaftliche Bedeutung und einen Wert, der viel stärker honoriert werden müsste«, erklärt Karin Stein-Bachinger. Vorschläge dazu, wie diese neue Art der Honorierung aussehen könnte, wird nun in einem Folgeprojekt unter der Leitung des Thünen-Instituts gemeinsam erarbeitet.

Vorbild für eine ökologischere Ausrichtung der konventionellen Landwirtschaft könnte die sogenannte »integrierte Produktion« sein, die in der Schweiz schon seit gut 20 Jahren praktiziert wird, sagt die Forscherin. Als Bindeglied zwischen ökologischer und konventioneller Landwirtschaft folgt diese Form der Produktion weniger strengen Regeln als der Ökolandbau. Dort gibt es allerdings striktere Vorgaben und jährliche Kontrollen, die den Schutz von Umwelt und Ressourcen zum Ziel haben. So wird etwa der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln reduziert. »Wenn wir den ökologischen Landbau deutlich weiter ausbauen und eine Ökologisierung des konventionellen Landbaus konsequent umsetzen sowie die Agrarsubventionen an das Erbringen von Umwelt- und Naturschutzleistungen knüpfen, können wir viele Probleme lösen«, sagt Karin Stein-Bachinger.

Weiterführende Informationen

Thünen Report 65: Sanders J, Heß J (eds)(2019) Leistungen des ökologischen Landbaus für Umwelt und Gesellschaft. 2. überarbeitete und ergänzte Auflage. Braunschweig: Johann Heinrich von Thünen-Institut, 398 p, Thünen Rep 65, DOI:10.3220/REP1576488624000.

Für den Hörbeitrag haben wir den Sound “At the farm.aiff” von ChristiKuhn, gefunden auf Freesound.org, verwendet.

Dr. Karin Stein-Bachinger ist Diplom-Agraringenieurin und forscht am ZALF zum ökologischen Landbau und Naturschutz. © Johann Bachinger
Dr. Karin Stein-Bachinger ist Diplom-Agraringenieurin und forscht am ZALF zum ökologischen Landbau und Naturschutz. © Johann Bachinger
Erschien zuerst im: FELD - Magazin des Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V., Ausgabe 1 — 2021
Institution: Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V.
Ansprechpartner/in: Dr. Karin Stein-Bachinger

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