In Zusammenarbeit mit: Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF)
22.04.2022

Mücken in der Post  

Gesundheit Insekten
Insektenschwarm vor blauem Hintergrund
Jedes Jahr senden tausende Menschen Mücken an den »MÜCKENATLAS«. Damit helfen sie der Wissenschaft unter anderem, rechtzeitig vor Krankheiten zu warnen. © Vitaly Ilyasov | AdobeStock

Text: HEIKE KAMPE

Meistens sind Stechmücken nur lästige Blutsauger. Manchmal kann ein Stich aber auch krank machen. Auch deshalb senden seit 2012 jährlich Tausende Menschen eingefangene Mücken an den »Mückenatlas«. Im Fokus des Forschungsprojektes stehen dabei vor allem Mücken aus exotischen Gebieten, die über Handelswege auch nach Deutschland gelangen und das Dengue-Virus oder andere Viren übertragen können. Mit den erhobenen Daten zeigt der Mückenatlas auf, welche Arten in Deutschland vorkommen, wie sie sich verbreiten und welche Lebensräume sie nutzen. Das Ergebnis ist eine Art Frühwarnsystem für bestimmte Krankheitsrisiken.

Der Mückenatlas - Jede Mücke zählt Der Film erklärt in amüsanten und kreativen Bildern die Teilnahme am Citizen Science-Projekt "Mückenatlas" und gibt Informationen zu den Hintergründen des Forschungsvorhabens.

Der tägliche Postkorb von Dr. Doreen Werner ist in diesen letzten Tagen im April nur zu etwa einem Drittel gefüllt. Es ist die Ruhe vor dem großen Sturm, denn einige Wochen später werden die Biologin und Entomologin etwa 50 bis 80 Sendungen täglich erreichen. Dann stapeln sich die Luftpolstertaschen und kleinen Päckchen bis über den Korbrand. Aus ganz Deutschland treffen die Sendungen ein. Ihr Inhalt: Eine oder mehrere Mücken, die die Absender in kleinen Döschen und Schachteln schicken, damit sie nicht beschädigt werden, sowie ein ausgefülltes Einsendeformular, das Ort und Datum des Fangs festhält.

Täglich sichtet und dokumentiert Doreen Werner die Einsendungen. Meistens genügt ein erster Blick und sie weiß bereits, welche Mückenart sie vor sich hat. Manchmal muss sie aber auch durch die Vergrößerungslinsen des Binokulars schauen, um die Art zu bestimmen. In seltenen Fällen genügt auch das nicht – dann kann nur die genetische Analyse Auskunft über die Art geben.

Umdenken in Politik und Wissenschaft

Seit 2012 pflegt Doreen Werner am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e. V. den Mückenatlas, der auf Basis von tausenden jährlichen Zusendungen von Privatpersonen die Verbreitung von Stechmückenarten in Deutschland untersucht. Dabei geht es nicht nur um eine Inventur der Mücken, sondern vor allem um ein Frühwarnsystem für invasive – also nicht heimische – Arten. Mückeneier aus anderen Erdteilen kleben etwa an Pflanzen oder Altreifen und wandern über Handels- oder Urlaubswege nach Deutschland ein. Im Zuge des Klimawandels werden sie auch hierzulande heimisch und verbreiten sich. Darunter sind einige Arten, wie etwa die Asiatische Tigermücke und die Asiatische Buschmücke, die gefährliche Krankheitserreger übertragen können.

Doreen Werner mit einem Umschlag in der Hand und einem Mikroskop vor sich auf dem Tisch
Die eingesendeten Mücken werden von Doreen Werner am Binokular bestimmt. Manchmal sind aber auch DNA-Analysen notwendig – zum Beispiel wenn Exemplare sehr eng miteinander verwandter Arten vorliegen. © Jarno Müller | ZALF

»Erst in den vergangenen Jahren hat die Forschung dazu die notwendige Aufmerksamkeit erhalten«, sagt Doreen Werner. Auslöser dafür war ein Ausbruch der vor allem für Rinder gefährlichen Blauzungenkrankheit in Deutschland im Jahr 2006, die durch Mücken aus der Familie der Gnitzen übertragen wird. Bis dahin war die Krankheit vor allem in Afrika und dem Mittelmeerraum aufgetreten. Das Ereignis sorgte für eine neue Bewertung der Gefährdungslage durch Politik sowie Wissenschaft und rückte auch die Stechmücken als mögliche Überträger hierzulande wieder in den Fokus.

Die Entomologin Doreen Werner ist eine von ganz wenigen Mückenspezialistinnen und -spezialisten in Deutschland und verfolgt gemeinsam mit dem Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) die Spur der Blutsauger. Das erste Stechmückenmonitoring führten ZALF und FLI mit 128 Fallen von 2011 bis 2014 durch – »um etwas Farbe in die weiße Landkarte zu bringen«, wie Doreen Werner die bis dahin völlig fehlenden Daten über Stechmückenverbreitung umschreibt. »128 Fallen sind für ganz Deutschland sehr wenig«, betont sie. »Aber selbst das hat uns logistisch an die Belastungsgrenze gebracht.«

Mückenpost aus ganz Deutschland

Hilfe kam dann ganz von selbst. Die Forscherin erhielt Anrufe von Bürgerinnen und Bürgern, die von dem Mückenmonitoring erfuhren und über eigene Mückenbeobachtungen in Haus und Garten berichteten. Viele waren überzeugt, die Asiatische Tigermücke gesichtet zu haben, die für ihre geringelten Beine und ein charakteristisches Muster auf dem Körper bekannt ist. Die ursprünglich aus Südostasien stammende Art kann verschiedene Virenarten – etwa das Dengue-, Zika- und Gelbfiebervirus – übertragen und breitet sich seit den 1990er Jahren in Europa aus. »Schicken Sie mir Ihre Mücken bitte zu«, bat Doreen Werner, um die Funde genau bestimmen zu können. Denn auch einige einheimische Mückenarten haben schwarz-weiß geringelte Beine. »Die Tigermücke ist viel kleiner und unscheinbarer als die meisten denken«, sagt die Mückenexpertin.

Asiatische Tigermücke
Die Asiatische Tigermücke kommt ursprünglich aus den Tropen und Subtropen im süd- und südostasiatischen Raum. Exemplare der Art können maximal zehn Millimeter groß werden, was aber selten vorkommt. Über Kontinente hinweg verbreitet sie sich oft über ihre Larven, die an weltweit gehandelten Altreifen oder Schnittblumen hängen können. © Pixabay

Seit 2012 wird der Mückenatlas als Citizen Science-Projekt vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft gefördert. Schon im ersten Jahr gab es mehr als 2.000 Einsendungen mit über 6.000 Stechmücken. Mehr als 140.000 Stechmücken sind es mittlerweile. Für die Forscherin ist das ein wertvoller Datenschatz, aus dem sie einen umfassenden Überblick darüber erhalten kann, wo die einzelnen Mückenarten leben und wie sie sich verbreiten. Die Asiatische Buschmücke etwa – ebenfalls eine Krankheitsüberträgerin – wurde 2008 erstmals in Deutschland gesichtet und tauchte 2012 in Einsendungen zum Mückenatlas bereits vereinzelt auf. Schon 2019 war sie flächendeckend in Baden-Württemberg und Bayern sowie bis nach Niedersachsen und Sachsen-Anhalt nachweisbar.

»Vorsichtig mit einem Glas einfangen und über Nacht ins Gefrierfach, auf keinen Fall draufhauen«, so sieht die optimale Mückenpräparation für den Mückenatlas aus, erklärt die Entomologin. Ohne die Mücke anzufassen kann sie dann in einer kleinen Schachtel oder Dose verschickt werden. Auf dem Einsendeformular, das man auf www.mueckenatlas.com herunterladen kann, werden Datum und Ort angegeben. Wurde die Mücke drinnen oder draußen gefangen? Im Garten, auf dem Land oder auf dem Balkon in der Stadt? »So erhalten wir unheimlich viel Detailwissen, das wir allein gar nicht erheben könnten«, erklärt Doreen Werner. Daraus zieht sie Rückschlüsse, welche Arten sich wo bevorzugt aufhalten und welche Lebensräume sie besiedeln.

Ein bis zwei Prozent sind selten oder nicht-heimisch

Der erste Brief, den sie an diesem Tag öffnet, enthält ein gut gepolstertes Döschen mit einem Insekt, das die Spezialistin auf Anhieb als Fenstermücke identifiziert. »Das ist keine Stechmücke«, betont sie. Den Fund erfasst sie trotzdem in der Datenbank. Im zweiten Päckchen ist ebenfalls keine Stechmücke, sondern eine Zuckmücke. Erst im dritten Päckchen wird Doreen Werner fündig: Sie erkennt die Ringelschnake – »die größte Stechmücke Deutschlands« – auf den ersten Blick. Mit ihren gefleckten Flügeln, den gestreiften Beinen und gut einem Zentimeter Körpergröße wird sie oft für eine Asiatische Tigermücke gehalten. Im Gegensatz zu dieser ist sie aber völlig harmlos und überträgt keine Krankheitserreger.

Etwa ein bis zwei Prozent aller eingesendeten Mücken sind für die Forscherin besonders spannend. Entweder, weil es sich um eingewanderte Arten wie die Tigermücke oder um sehr seltene einheimische Arten handelt. Jede gut erhaltene Mücke landet in der Referenzsammlung des Mückenatlas. Säuberlich sortiert, aufgeklebt und beschriftet befinden sich am Institut bereits Zehntausende Tiere in Schaukästen aus Glas, hinter großen Schiebetüren. »Diese Sammlung können wir in 20 oder 30 Jahren mit ganz neuen, sensibleren Methoden untersuchen und daraus weitere wichtige Erkenntnisse etwa zur Genetik gewinnen«, erklärt Doreen Werner. Parallel dazu baut das FLI für weitere Untersuchungen eine genetische Sammlung mit DNA-Proben der eingesendeten Mücken auf.

Asiatische Buschmücke
Die Asiatische Buschmücke kommt ursprünglich in Japan, Korea und Südchina vor. Wie auch die Tigermücke, verbreitet sie sich über ihre Larven, die über globale Handelswege als blinde Passagiere verbreitet werden. Diese Larven können teils Jahre ohne Wasser überleben. Dies ermöglicht, dass sie weite Strecken unbeschadet überstehen. © Eileen Kumpf | Shutterstock

Sobald Doreen Werner unter ihrem Binokular eine invasive Mückenart entdeckt, die für den Fundort noch nicht nachgewiesen wurde, verlässt sie ihr Labor und macht sich mit ihrem Team auf die Suche nach den Larven. Sollten die im Wasser lebenden Mückenlarven, d. h. der Mückennachwuchs, ebenfalls am Fundort vorkommen, gilt dies als Zeichen der Ausbreitung bzw. Etablierung. Die Mückenforscherinnen und -forscher beproben dabei vor allem Friedhöfe. »Hier finden Mücken optimale Bedingungen: Zahlreiche mit Wasser gefüllte Vasen und Kannen, die als Brutplätze dienen können, ausreichend Blütenpflanzen, die den Nektar bereitstellen, und auch genügend potenzielle Wirte«, beschreibt Doreen Werner den besonderen Forschungsort.

Gelbfiebermücken im Wohnzimmer

Der Mückenatlas liefert ein Datenfundament, das für viele weitere Forschungsfragen hilfreich ist. Welche Krankheitserreger überhaupt von welchen Mückenarten übertragen werden können, ist eine dieser Fragen, die noch nicht abschließend geklärt ist. Am FLI werden dazu Infektionsstudien durchgeführt. Sie zeigen, welche Mückenarten welche Erreger aufnehmen und weitergeben können. Erst mit diesem Nachweis gilt die Mückenart als potenzieller Überträger. Das West-Nil-Virus etwa wird nicht nur von invasiven, sondern vor allem von einheimischen Stechmückenarten übertragen, erklärt Doreen Werner. Wenn die Verbreitungsgebiete der übertragenden Mücken bekannt sind, lässt sich das Risiko für die Bevölkerung besser abschätzen. Denn auch Mitteleuropa ist nicht vor einem Ausbruch vermeintlich tropischer Krankheiten geschützt.

»Ich bin eine Schmalspurbiologin«, sagt Doreen Werner lachend, wenn sie auf ihre Mückenleidenschaft angesprochen wird. Manchmal sitzt sie auch schon sonntagmorgens um 5 Uhr am Binokular. An einem solchen Morgen hatte sie 2016 ihre bisher spannendste Entdeckung. »Da schauten mich durch die Linse plötzlich Mücken an, die bei uns gar nicht vorkommen dürften.« Die Einsenderin aus Thüringen hatte in ihrem Wohnzimmer gleich 20 Exemplare einer der gefährlichsten Mückenarten der Welt eingefangen: Die Gelbfiebermücke kann Gelbfieberviren und mehr als 30 weitere Viren übertragen.

Nach einem Gespräch mit der Familie klärte sich der Fall auf: Die Mücken waren ein unbeabsichtigtes Mitbringsel aus einem Karibik-Urlaub. Die Mückeneier klebten an Stängeln von mitgebrachten Pflanzensetzlingen. In einer Vase konnten sie in der warmen Wohnung schlüpfen. Besonders brisant war der Mückenfund, weil im Haushalt eine Schwangere lebte und Gelbfiebermücken auch das Zika-Virus übertragen, das besonders gefährlich für Ungeborene ist. Die gesamte Familie musste zu einem Bluttest und wurde auf das Virus untersucht. »Zum Glück waren alle Tests negativ«, sagt Doreen Werner.

Weiterführende Informationen

Die Diplombiologin Dr. Doreen Werner leitet den Mückanatlas sowie die ZALF-Arbeitsgruppe »Biodiversität aquatischer und semiaquatischer Landschaftselemente«.

Publikationen: https://www.zalf.de/de/forschung_lehre/publikationen/Seiten/default.aspx?idxp=x842x

Mehr Infos unter: www.mueckenatlas.de

Cover der 2. FELD-Ausgabe 2021 mit dem Titelthema
Institution: Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF)
Ansprechpartner/in: Doreen Werner

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