In Zusammenarbeit mit: Forschungsinstitut für Nutztierbiologie (FBN)
08.07.2021

Glückliche und gesunde Kühe – Dank Stall der Zukunft  

Agrarpolitik Gesundheit Landwirtschaft Landwirtschaft 4.0 Nachhaltigkeit Tierwohl
Kühe auf einer Weide
Kühe auf der Weide © SphinxET | FBN

Text: ISABEL HABERKORN

Vom Tier ausgehen, nicht vom Menschen – das ist der Grundgedanke, wenn es um Ideen im Bereich Tierwohl und Tiergesundheit geht. Was braucht ein Tier, um zufrieden, gesund und glücklich zu sein? Wie sollte Tierhaltung aussehen, die sowohl die Bedürfnisse der Tiere erfüllt als auch wirtschaftlich und umweltschonend ist? Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, wird nun in Dummerstorf ein „Stall der Zukunft“ für Milchkühe gebaut.

Noch schweift der Blick über eine weite, grüne Wiese mit vielen Baumgruppen – bald wird hier ein innovativer „Stall der Zukunft“ entstehen, gebaut auf Basis neuester Forschungserkenntnisse, in dem zukunftsweisende Konzepte und Haltungsformen getestet und weiterentwickelt werden. Am Ende soll ein Stallbaukonzept entstehen, das nicht nur in der landwirtschaftlichen Praxis realisiert werden kann, sondern auch das Tierwohl deutlich verbessert. Dr. Lisa Bachmann, Wissenschaftlerin am FBN, koordiniert die Bildung eines Innovationsnetzwerks aus neun Forschungseinrichtungen, welches sich auf die Bedürfnisse der Tiere, ihr Verhalten, ihre Sinneswahrnehmung und Haltungsumwelt fokussiert. Alle Lösungen, die hier erarbeitet werden, stellen das Wohlbefinden der Tiere in den Mittelpunkt. „Der traditionelle Milchviehstall orientiert sich oft an den Bedürfnissen des Menschen“, erklärt Dr. Bachmann, „Dabei werden oft die Bedürfnisse der Tiere hintenangestellt. Wir wollen das ändern und vom Tier, nicht vom Menschen, ausgehen.“

Dr. Lisa Bachmann mit Kälbern. © Isabel Haberkorn | FBN
Dr. Lisa Bachmann mit Kälbern © Isabel Haberkorn | FBN

Nutztierhaltung zwischen Tierwohl, Umweltschutz, Wirtschaftlichkeit und Gesellschaft

Das Themenfeld für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die interdisziplinär zusammen arbeiten, ist hochkomplex: Nutztierhaltung leistet wichtige Beiträge zur Lebensmittelversorgung, zur Etablierung agrarischer Kreisläufe und zur Gestaltung von Ökosystemen und Kulturlandschaften. Dabei bewegt sich die Nutztierhaltung als Teil der Landwirtschaft im Spannungsfeld zwischen Anforderungen an Tierwohl, Umwelt- und Klimaschutz, Ressourcennutzung und Wirtschaftlichkeit sowie gesellschaftlicher Akzeptanz. Prozesse und Arbeitsweisen traditioneller Nutztierhaltung werden zunehmend kritisch hinterfragt. Neben Forschungsergebnissen zu Tiergesundheit, Umweltwirkungen und Tierwohl fließen daher Informationen zu arttypischem Verhalten und Sinneswahrnehmungen von Kühen und Kälbern in das Stallbaukonzept ein.

Dazu sollen u. a. Daten der vom Kooperationspartner LBZ (Landwirtschaftliches Bildungszentrum) Echem entwickelten Virtual-Reality Brille, die die visuelle Wahrnehmung von Kühen simuliert, und eines Ultraschalldetektors, der für das Rind wahrnehmbare und ggf. störende Hörfrequenzen aufspürt, sowie videobasierte Langzeitanalysen des Verhaltens von Kühen und Kälbern genutzt werden. Ein anschauliches Beispiel liefern die Erkenntnisse über die visuellen Fähigkeiten von Kühen – sie brauchen viel länger als Menschen, um Helligkeitsveränderungen zu adaptieren. Werden sie aus einem traditionellen, dunklen Stallgebäude in einen sonnigen Hof geführt, so sehen sie minutenlang nichts, was die Tiere desorientieren kann. Der Stall der Zukunft wird also hell und luftig sein – denn Kühe fühlen sich bei kühleren Temperaturen deutlich wohler.

Kühe können neugierig sein.
Eine neugierige Kuh © Isabel Haberkorn | FBN

Der „Stall der Zukunft“ – mehr als nur eine Vision

„In unserem Stall der Zukunft werden Kühe und Kälber in Familienherden in einem offenen Raum zusammen sein“, skizziert Dr. Bachmann, „Sie werden selbst entscheiden können, wo sie sich aufhalten wollen – im Stall oder im Weidebereich. Die Laktationsdauer (d.h. der Zeitraum, in dem die Kühe Milch geben) wird an die Leistung der Kuh angepasst, Stressfaktoren wie beispielsweise beim Futter- und Wasserzugang sollen verringert werden.“ Diese Maßnahmen verbessern nicht nur das Tierwohl, sondern führen letztlich auch zu verringerten Emissionen und Reduzierung von Medikamentengaben. Ende September 2021 wird das interdisziplinär erarbeitete Stallbaukonzept fertig sein und in die Umsetzung gehen. Die gewonnenen Erkenntnisse werden wiederum genutzt, um praxisorientierte Lösungen für die Landwirtschaft zu entwickeln – damit der „Stall der Zukunft“ zum „Stall der Gegenwart“ wird.

Weiterführende Informationen

Dr. med. vet. Lisa Bachmann ist seit 2019 Post-Doc am Institut für Ernährungsphysiologie „Oskar Kellner“ am Forschungsinstitut für Nutztierbiologie (FBN) in Dummerstorf und ab September 2021 Professorin für Tierhygiene an der Hochschule Neubrandenburg. Sie forscht vor allem zur Ernährung von Kälbern und zum Einfluss von Umweltfaktoren auf Fruchtbarkeit, Leistung und Nutzungsdauer von Milchkühen

Erschien zuerst im: querFELDein-Blog
Institution: Forschungsinstitut für Nutztierbiologie (FBN)
Ansprechpartner/in: Isabel Haberkorn

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