In Zusammenarbeit mit: Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V.
18.08.2021

Stadt und Land liefern Agrarprodukte von morgen  

Ernährungssicherheit Landwirtschaft Urban Farming
Agrarprodukte © Alesia Kozik | Pexels

Moderation: ANJA RATH | LandInForm
Gespräch mit: PROF. THOMAS WEITH | ZALF

Das breit angelegte Forschungsprogramm „Agrarsysteme der Zukunft“ bearbeitet acht visionäre Entwicklungsfelder. Wo entstehen in 20 Jahren unsere Lebensmittel? Das fragt Anja Rath von der Zeitschrift “LandInForm” Thomas Weith, der als Koordinator am Projekt mitwirkt.

Herr Professor Weith, vier von acht Schwerpunkten des Forschungsprogramms liegen im urbanen Raum. Verliert der ländliche Raum in Zukunft als Produktionsstandort an Bedeutung?

Nein, aber es wird ein Nebeneinander von Produktionssystemen geben. Die Bedeutung von Produktionsflächen auf dem Land wird aufgrund der Verknappung verfügbarer produktiver Flächen sogar zunehmen und die Rolle der Landwirtschaft bedeutend bleiben, aber sie wird sich verändern. Dabei geht es weder um rückwärtsgewandte Romantik noch um apokalyptische Untergangsvisionen, sondern schlicht um zukunftsfähige Agrarsysteme. Sie müssen sich intensiver mit gesellschaftlichen Ansprüchen auseinandersetzen, beispielweise mit denen an eine nachhaltige Bioökonomie: Mit ihr ist ein Mehr an Multifunktionalität, Klimaschutz, Biodiversität und Zirkularität verbunden. Die dafür notwendige Transformation ist sowohl in technologische als auch in politische Entwicklungen eingebettet – Stichwort Green Deal. Ein solcher Prozess benötigt Akteure, Zeit und auch Geld – davon haben wir viel an den falschen Stellen ausgegeben.

Warum sollte man in die urbane Agrarproduktion investieren?

Bei den Projekten Suskult und Cubes Circle geht es darum, Nahrungsmittel konsumentennah und in geschlossenen Kreislaufsystemen zu produzieren; im Projekt RUN sollen Nährstoffe aus dem Abwasser oder auch häusliche Reststoffe wiederverwertet werden. Mit kürzeren Wertschöpfungsketten reduzieren sich Transportwege und die mit ihnen verbundenen Umweltbelastungen. Derartige Systeme stärken zudem die Resilienz der Stadt: Es gibt Länder, die urbane Produktion betreiben, um unabhängiger von Importen zu sein. Unsere Systeme setzen momentan beispielsweise auf einheimische Gemüse, Kräuter oder auch Fische. Was innerstädtisch später konkret wirtschaftlich ist, hängt von der zur Verfügung stehenden Fläche ab und davon, ob größere Produktionsanlagen dort akzeptiert werden. Agrarsysteme der Zukunft sollen – im Stadt-Land-Kontext – vielfältiger werden.

 

Welche Veränderung bedeutet das für die Landwirtschaft?

All das, was große Flächen beansprucht und maschinell bearbeitet werden muss, wird weiterhin auf dem Land produziert. Damit die Landwirtschaft sich entsprechend der gesellschaftlichen Erwartungen wandelt, bedarf es großer Veränderungsschritte. In Projekten erproben wir beispielsweise Landwirtschaft 4.0 ohne chemisch-synthetischen Pflanzenschutz sowie Ansätze zur Grünlandwirtschaft. Außerdem untersuchen wir, wie Ökosystemdienstleistungen verstärkt in die Landbewirtschaftung integriert werden können. Das muss im gesamtgesellschaftlichen Kontext gedacht werden und es gilt, die relevanten Akteure beispielsweise beim Thema Digitalisierung mitzunehmen. Die Projekte sollen als eine Art Reallabor die Umsetzung demonstrieren. Deshalb beziehen wir die Gesellschaftswissenschaften ein, um Fragen von Bürger- und Verbraucherschutzinteressen in den Blick zu nehmen.

Das Programm wird vom BMBF gefördert. Was sagen das Bundeslandwirtschaftsministerium und landwirtschaftliche Interessenvertretungen zu den Ansätzen?

Wir haben bislang ein sehr positives Feedback bekommen. Es ist allen klar, dass es bei der Transformation der Agrarsysteme nicht mehr darum geht, Sektoralpolitik zu betreiben, sondern zukunftsorientiert mit ressortübergreifenden Lösungen zu gestalten – auf einer breiten Basis. Das ist ein langfristiger Entwicklungsprozess. Gleichzeitig können wir es uns nicht mehr leisten, dabei weiter Zeit zu verspielen.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Prof. Thomas Weith arbeitet am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung e. V., lehrt an der Universität Potsdam und beteiligt sich an der zentrale Koordinierungsstelle des vom Bundesforschungsministerium (BMBF) geförderten Projektes „Agrarsysteme der Zukunft“.

 

Weiterführende Informationen:

 

Erschien zuerst im: DVS-Magazin "LandInForm"
Institution: Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V.
Ansprechpartner/in: Prof. Thomas Weith

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